Alois Alzheimer, Jahrgang 1864, zweiter Sohn eines königlich-bayerischen Notars, war von Kindesbeinen an ein Fan der Naturwissenschaften. Er botanisierte, färbte und mikroskopierte. In seiner Doktorarbeit beschrieb er den mikroskopischen Aufbau der menschlichen Ohrschmalzdrüsen, illustriert durch 15 eigenhändige Zeichnungen der Zellstrukturen.
Dem Mikroskop verdankt Alzheimer auch seine große Entdeckung. "Der Irrenarzt mit dem Mikroskop" nannten ihn seine Zeitgenossen ("Irrenarzt" damals kein Schimpfwort, sondern war ein akademischer Titel). Alzheimer arbeitete von Dezember 1888 bis März 1903 in der Frankfurter "Anstalt für Irre und Epileptische", die im Volksmund "Irrenschloß" hieß. Während andernorts die Irren nur weggesperrt wurden, oft unter unmenschlichen Bedingungen, praktizierte man in Frankfurt moderne Psychiatrie, so gut es eben ging. Trinker kamen in eine Arbeitstherapie, Nervöse und Wahnkranke behandelte man mit dem 34 Grad warmen Dauerbad. Es gab Wachsäle, die Zwangsmaßnahmen wurden abgeschafft.
Einmal im Jahr gewährte der Herr Direktor seinen Assistenzärzten einen vierwöchigen Arbeitsurlaub, "eine herrliche Einrichtung", wie Alzheimer fand. Der Doktor - schon in jungen Jahren wohlbeleibt, mit einem Zwicker auf der Nase - verbrachte seine freie Zeit am liebsten im Labor. Aufregend fand er die hauchdünnen Gewebeschnitte des zentralen Nervensystems: Hinter den gleichartigen Symptomen seiner Patienten - Wahnvorstellungen, Gedächtnisverlust, Verblödung - verbargen sich offenbar ganz verschiedenartige Grundleiden.
1903 verließ Alois Alzheimer Frankfurt und siedelte über Heidelberg nach München um, um an der "Königlichen Psychiatrischen Klinik" (Direktor: Emil Kraepelin) seine wissenschaftliche und ärztliche Tätigkeit fortzusetzen. Unter seiner Leitung wurde das Labor an der Münchner Klinik zum Zentrum histopathologischer Forschung.
Alzheimer, mittlerweile Privatdozent an der Psychiatrischen Klinik der Münchner Universität, seziert das ihm von Frankfurt nachgesandte Gehirn seiner einstigen dortigen Patientin Auguste D.. Es zeigt weder die Zeichen einer Syphilis noch die der Verkalkung. Vielmehr entdeckt der 42jährige Gelehrte drei Besonderheiten:
* In den Nervenzellen hat sich ein "noch nicht näher
erforschtes pathologisches Stoffwechselprodukt
eingelagert".
* Die "oberen Zellschichten" der Hirnrinde sind zu
"etwa 1/4 bis 1/3 ganz verschwunden".
* Die Fortsätze der Nervenzellen, die
"Neurofibrillen", lassen sich anfärben und "überdauern
den Untergang der Zelle".
Das sind tatsächlich die drei anatomischen Beweise für ein Leiden, das sein Entdecker bescheiden einen "eigenartigen Krankheitsprozeß" nannte. Alzheimers Chef Emil Kraeplin war es, der damals der Fachwelt vorschlug, die neue Krankheit nach seinem tüchtigen Mitarbeiter zu benennen: "Morbus Alzheimer" oder "Alzheimersche Krankheit".
Die Kosten der Entdeckung hat der talentierte Irrenarzt zum großen Teil selbst getragen. Alzheimer hatte 1894 eine vermögende Witwe geehelicht (ihr erster Mann war an Gehirnerweichung gestorben).
1906 beschreibt Alois Alzheimer bei der 37. Versammlung Südwestdeutscher Irrenärzte in Tübingen seinen Kollegen die neue "eigenartige Erkrankung der Hirnrinde". Keiner merkte, dass gerade die zukünftige Krankheit des Jahrhunderts vorgestellt wurde; vielmehr herrschte am 3. November 1906, nachmittags gegen halb vier friedliche Stille, als Alzheimer seinen Vortrag beendet hatte. Das Protokoll verzeichnet: "Keine Diskussion."
Am 16. Juli 1912 übernahm Alois Alzheimer das Direktorat der Psychiatrischen- und Nervenklinik der Schlesischen Friedrich-Wilhelm-Universität in Breslau. Kaiser Wilhelm II. unterschrieb seine Bestallungsurkunde. Ab Oktober wurde Alois Alzheimer zunehmend bettlägrig und verstarb am 19. Dezember 1915 in Breslau an Nierenversagen. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt am Main, wo seine Frau schon am 28. Februar 1901 beigesetzt wurde.
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